Angst – darf es etwas mehr sein?

Deutschland ist ein reiches Land. Das trifft nicht nur auf den materiellen Wohlstand zu, sondern auch auf das Angebot an Ängsten, das uns zur Verfügung steht. Hier gibt es ein breites Sortiment. Für jeden ist etwas dabei.

Sehr beliebt ist momentan wieder der Klassiker: Die Angst vor Menschen‑die‑anders‑sind‑als‑ich. In Bewegungen wie PEGIDA werden sie mit anderen Menschen‑die‑nicht‑ganz‑so‑anders‑sind‑als‑ich zelebriert. Klar, solche Ängste haben durchaus einen Sinn. Fremden mit Vorsicht zu begegnen, war schon immer überlebenswichtig. Dieses Verhalten ist nicht nur bei Primaten zu beobachten, sondern zieht sich durch die gesamte Tierwelt. Es gibt unterschiedliche Reaktionsweisen: Das Tier flüchtet oder wenn es sich überlegen fühlt, greift es den Fremden an. Es kann sich aber auch mit dem Fremden vertraut machen und herausfinden, ob es sich um Freund oder Feind handelt. Die ersten beiden Möglichkeiten sind natürlich wesentlich bequemer. Sie sind instinktiv, d. h., man braucht nicht darüber nachzudenken. Dafür bietet die Letztere vielleicht Chancen, die man vorher gar nicht in Betracht gezogen hat.

Aber das ist ja nicht das Einzige, was es im Supermarkt der Ängste gibt. Die Angst vor Krankheiten? Bitte schön! Dieses Jahr machte eine Krankheit Schlagzeilen, die wirklich sehr gefährlich ist: Ebola. Aber auch die Jahre davor wurden wir immer wieder mit Ängste verwöhnt, z. B. 2005 die Vogelgrippe mit dem berühmten Virus H5N1. Da wurde Panik geschürt, eine Pandemie befürchtet, die Millionen Menschen umbringen könnte. Und dann trat die Pharmaindustrie als rettender Superman in Erscheinung und lieferten das Heilmittel. Nur Pech, dass die Nebenwirkungen (und der Preis) des Medikaments den Nutzen bei Weitem überstiegen. Aber immerhin konnten sich die Aktionäre des beteiligten Pharmakonzerns über einen hohen Gewinn erfreuen. Und wir freuen uns alle schon auf die nächste Pseudo-Seuche, vielleicht Krötenhusten oder Mäuseschnupfen?

Im Sonderangebot seit über einem Jahr: die Angst vor Putin. Es wird schon gar nicht mehr von Russland geredet. Russland ist Putin und Putin ist Russland. Genau wie Merkel Deutschland ist – oder etwa nicht?

Was zieht dieser Mann einen Hass auf sich. Warum nur? Menschenrechtsverletzungen gibt es in China viel massiver. Aber Xi Jinping wird umgarnt wie ein Heiliger. Und von Freiheit kann das Volk in Saudi Arabien nur träumen, trotzdem wird niemand die Scheichs an den Pranger stellen. Geht es wirklich nur darum, dass Putin einen rechtswidrigen Volksentscheid auf der Krim durchführen ließ? Sind die Leute in der Ostukraine, die mit Russland sympathisieren alles russische Spione? Oder gibt es vielleicht doch Menschen, die etwas andere Werte haben, als die NATO-Mächte propagieren? Vielleicht wird ja auch die Umsetzung dieser Werte in Zweifel gezogen? Mein persönliches Unwort des Jahres ist „Putinversteher“. Weil es alle Menschen diffamiert, die versuchen, die Dinge auch einmal aus der anderen Perspektive zu sehen. Geht es bei diesem Konflikt wirklich um das ukrainische Volk? Was haben die Heilsverkünder der Freiheit in Afghanistan, im Irak, in Syrien und in Libyen erreicht?

Schnell noch die Angst vor dem Krieg, denn die steht in direktem Zusammenhang mit der oben genannten Angst. Wenn Obama Russland als Regionalmacht bezeichnet, kann man davon ausgehen, dass die Hemmschwelle für einen bewaffneten direkten Konflikt nicht sehr groß ist. Zwar behaupten alle Seiten, es werde keine Militäreinsätze in der Ukraine geben, aber mit dieser gebetsmühlenartigen Penetranz, mit der das immer wieder vorgetragen wird, kann man das schon als bedrohlich empfinden. Also durchaus eine Angst für Anspruchsvolle.

Dann wäre ja auch noch die Finanzkrise. Längst vergessen und doch irgendwie in den Hinterköpfen präsent. Die EZB kauft fleißig faule Wertpapiere auf, was nichts anderes heißt als dass sie Geld druckt ohne den entsprechenden Gegenwert. Die Banken jonglieren weiter mit spekulativen Derivaten. Die Zinsen sind so weit im Keller, dass man bald welche erhält, wenn man einen Kredit aufnimmt. Und die Finanzwirtschaft wird immer mächtiger. Da darf einem schon ein wenig mulmig werden.

In diesem Zusammenhang gibt es auch noch die Angst vor Altersarmut. Sei es, dass ein Brief von der Rentenanstalt ins Haus flattert oder wieder einmal im Fernsehen oder in der Zeitung auf das Thema Altersarmut verwiesen wird. Eins steht fest: Die Rente ist nicht mehr sicher! Es gibt allerdings einige Möglichkeiten, das Ruhestandgehalt etwas aufzubessern. Z.B. kann man sich in irgendein Parlament wählen lassen. Als Mitglied eines Landtages, des Bundestags oder gar des Europäischen Parlaments sollte die Pension gesichert sein. Oder man lässt sich gleich zum Bundespräsidenten wählen. Fünf Jahre Arbeit und danach ein fürstliches Gehalt. Schuftet man allerdings in den „niederen“ Berufen, so wie ich, ist diese Angst sehr empfehlenswert.

Gab es da nicht noch eine andere Bedrohung der Armut? Die Auflösung der Mittelschicht! Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Das heißt die Personen mit mittlerem Einkommen werden weniger. Bald gibt es nur noch Unter- und Oberschicht. Für alle, die sich gerne einmal etwas abstrakter ängstigen!

Nachdem uns die Ängste vor Atomkraft nun bald endgültig genommen werden, bleibt den Hardcore-Atom-Ängstlichen immer noch die Möglichkeit, sich zukünftig in der deutsch-tschechischen oder vielleicht in der deutsch-französischen Grenzregion niederzulassen. Alle anderen sollten wieder verstärkt auf die Angst vor Treibhausgasen und Klimawandel ausweichen. Da die Energiewende nur sehr halbherzig umgesetzt wird und eine dezentralisierte Stromerzeugung bei den großen Konzernen nur ein Naserümpfen verursacht, wird uns diese Angst auch in Zukunft erhalten bleiben.

Naturkatastrophen gibt es ja in unseren Breiten relativ selten. Lediglich Menschen, die in Flussnähe wohnen, erlebten in den letzten Jahren die Macht der Natur und können in dieser Hinsicht massive Ängste entwickeln. Für die meisten anderen muss es schon als Katastrophe gelten, wenn die Bahn ein paar Tage streikt. Da helfen auch keine gut gemeinten Berichte, die behaupten, gäbe es wirklich einmal eine große Katastrophe in Deutschland, würde das totale Chaos ausbrechen, weil sämtliche Notfallpläne in den neunziger Jahren (nach dem Ende des kalten Krieges) eingestampft wurden.

Der Untergang der gesamten Menschheit wird regelmäßig in diversen Nachrichtensendern zumindest theoretisch durchdacht und durch gewaltige Computeranimationen illustriert. Es gibt sogar regelrechte Chartsendungen für Weltuntergänge. Welches ist die wahrscheinlichste, welches die schnellste, die schönste (nein, der fehlt wohl noch) Katastrophe? Leider haben die Zuschauer keine Chance mit zu entscheiden. – Schade eigentlich!

Es werden dort zwar immer wieder Szenarien gezeigt, die mit Sicherheit eintreten werden – z. B. das Ende der Sonne. Aber das ist nur etwas für geduldige Ängstliche, denn das wird voraussichtlich erst in vier Milliarden Jahren passieren.

Bleiben wir doch lieber bei den persönlichen Ängsten. Sehr beliebt ist die Angst, zu dick zu sein. Die ist nicht nur bei den pubertären Germanys‑next‑Topmodel‑Fans weit verbreitet sondern erfasst inzwischen sämtliche Altersklassen. Auch Männern geht es jetzt an den Kragen. Früher war der Mann mit Bauch ein Symbol für Wohlstand und Hang zur Sinnlichkeit. Heute werden ihm Bewegungsmangel und bevorstehende Herz- Kreislauf- sowie Stoffwechselerkrankungen attestiert. Bei Frauen ist es noch schlimmer. Man hat den Eindruck, dass bereits Ü40(kg)-Frauen als „fett“ bezeichnet werden. Sollte die Tendenz anhalten, wird man demnächst Frau oder Freundin per Paket (bis 31,5 kg) in den Urlaub senden können. Das hätte zumindest monetär einige Vorteile.

Eine Angst, die es seit Urzeiten gibt, kommt aus dem sozialen Bereich. Sie hat zwei Facetten und jeder muss sich für eine davon entscheiden: die Angst gegen den Strom zu schwimmen bzw. mit dem Strom zu schwimmen. Je nach Geschmack, je nachdem, ob man lieber auffallen oder ob man dazugehören und deshalb nicht auffallen möchte, bieten sich hier zahlreiche Möglichkeiten für sich die richtige Angst herauszusuchen.

Ähnliches gilt auch für alles, was man mit dem Begriff „Beziehungsängste“ umschreibt. Dazu zählen nicht nur Bindungsängste, auch Torschlusspanik, Verlustängste etc. fallen unter den weitreichenden Begriff.

Die persönlichste unter den persönlichen Ängsten darf natürlich nicht fehlen: Die Angst vor dem Sterben oder vor dem Tod. Allerdings spielt sie im alltäglichen Leben eine eher geringe Rolle. Man stelle sich vor, sich ständig mit dieser Angst auseinanderzusetzen. Das machen nicht einmal die Mitarbeiter in einem Hospiz. Aber wenn ansonst einmal Mangel herrscht – diese Angst kann man jeder Zeit schnell einmal auskramen.

 

Wie ihr seht: Das Angebot ist sehr reichhaltig. Da findet jeder die zu ihm passenden Ängste. Und gerade jetzt zum Jahreswechsel sollte man sich schon seine Favoriten für 2015 aussuchen.

Ich möchte das Jahr beenden mit einem netten Zitat von Erich Kästner:

 

Wird’s besser? Wird’s schlimmer?

Fragt man alljährlich.

Seien wir ehrlich:

Das Leben ist immer

lebensgefährlich.

 

In diesem Sinne alles Gute für das neue Jahr!

 

 

 

 

Eine Antwort auf „Angst – darf es etwas mehr sein?“

  1. Gibt es nicht auch noch die Angst vor der Angst?
    Oder was ist, wenn ich mal keine Angst habe … habe ich dann gerade etwas verpasst … bin ich zu unaufmerksam?
    Beängstigend!

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